Das Land der Dichter und Denker – warum agil für deutsche Ingenieure eine harte Nuss ist

Nach Wikipedia ist „Dichter und Denker“ eine „stehende Wendung, die die Verbindung von Kunst und Wissenschaft in einer Person oder Gruppe bezeichnet“, und genau hier liegt die Crux. Nimmt man Denker für Naturwissenschaftler, Ingenieure, Betriebswirte und Dichter für die Kreativen, Künstler und Geisteswissenschaftler sind wir in unseren Unternehmen eben nicht „Dichter und Denker“ sondern eben streng geteilt in „Dichter“ und „Denker“.

Ich bin selber Maschinenbauingenieur und habe mein Leben lang gelernt, dass wir als deutsche Ingenieure per Definition gut sind. Ob Maschinen- oder Automobilbau, in vielen Branchen sind wir Weltklasse und das Ergebnis unseres Schaffens sind Produkte, die ihresgleichen suchen. Okay, ich gebe zu, bei HiFi, Fototechnik und gerade IT haben wir irgendwie den Anschluss verloren, aber das schmälert unser Selbstbewusstsein in keiner Weise.

„Dem Inscheniör ist nichts zu schwör“, ursprünglich aus dem Ingenieurslied von Heinrich Seidel (Maschinenbauingenieur 1842 – 1906), bekannt geworden aber durch die Disney-Übersetzerin Erika Fuchs, die diesen bedeutungsschwangeren Satz dem Erfinder Daniel Düsentrieb in den Mund legt. Und mehr muß man zu unserem Selbstverständnis auch gar nicht sagen, taucht ein Problem auf – wir lösen es.

Diese Selbstverständnis und die resultierende Denkweise hat dazu geführt, dass wie bekennende Anhänger des Taylorismus sind. Wir zerlegen Probleme, genau wie Arbeit und Organisationen, in kleinste Einheiten und lösen sie.

PENG – AUS Das ist alles was wir brauchen, um unserem Selbstbild gerecht zu werden. Dass daraus eine zu 100 % mechanische Vorstellung von Organisationen oder Unternehmen resultiert, stört uns nicht, NEIN es entspricht unserer Idealvorstellung. Unternehmen sind wie Maschinen strukturiert, alles und jeder an seinem Platz, alles klar geregelt und wenn man a macht folgt daraus selbstverständlich b. Das ist die Sprache, die wir sprechen, die wir verstehen und mit der wir uns vor allen Dingen wohl fühlen.

Wenn Mitarbeitende in Unternehmen heute sagen : „aber ich bin doch nur ein kleines Rad im Getriebe“ ist das vollkommen ernst gemeint und Resultat genau dieses Verständnisses. Und für mich ist es mittlerweile traurig ….. .

Im Zuge unserer Transformation zu einem agilen Unternehmen fällt mir immer wieder auf, wie schwer es vielen Kolleg*innen und auch mir fällt anzuerkennen, dass man Unternehmen nicht nur als Maschinen, sondern als lebendige Organismen sehen kann, die sich halt nicht immer für uns vorhersehbar verhalten. Wenn wir uns mit neuen Formen der (Zusammen)arbeit beschäftigen heißt das für Ingenieure schlichtweg, ihr bisheriges Verständnis der Welt zu adaptieren, und das ist nicht so einfach, wie es uns selbsternannte Evangelisten und Meinungsmacher gerne zu erklären versuchen.

Für meinen Teil habe ich Frieden gefunden mit meinem „Ingenieur-“ oder „Denker-Ich“ und habe ihm den Diskussionspartner „Geisteswissenschaftler-“ oder „Dichter-Ich“ zur Seite gestellt um gemeinsam eine neue Sicht auf Organisationen, aber auch auf die Welt im allgemeinen zu entdecken.

Kant, Schopenhauer, Precht, Hüther u.a. sind zu spannender Lektüre außerhalb meiner alten Denkmuster geworden, die mich als Mensch verändert haben. Am besten angefreundet habe ich mich allerdings mit Ludwig Wittgenstein, ausgebildeter Flugzeugingenieur, der die Logik der Sprache in den Mittelpunkt des Denkens stellt. Sein Ausspruch „Ja, meine Arbeit hat sich ausgedehnt von den Grundlagen der Logik zum Wesen der Welt“ beschreibt meinen persönlichen Umgang mit der Transformation, insbesodere meiner eigenen, perfekt.

Zum Abschluss ein Plädoyer an alle, die sich mit Transformationen in ingenieurlastigen Unternehmen beschäftigen :

Liebe Berater, Coaches, Agile Trainer, wir Ingenieure sind anders und wir deutsche Ingenieure im Besonderen sind stolz darauf. Die Veränderung, die Ihr begleitet, befeuert, initiiert ist im tiefen Widerspruch zu unserem Selbstverständnis. Beachtet das, nehmt Rücksicht und lasst uns den Raum, unser Ingenieurdasein auszuleben.

Liebe Ingenieure –  es gibt ein Leben „beyond logic“, vielleicht fängt es da sogar erst richtig an und die Beschäftigung mit Philosophie, Neurologie, Psychologie kann MINDESTENS genau so spannend sein wie der „Grosse Dubbel“ (Standardwerk für Techniker und Ingenieure im Maschinenbau seit 1912 – und auch das sagt so einiges !)

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Los geht’s
%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close